Wo der Klang sein Zuhause hat

Ein Mann mit hellem Hemd arbeitet an einem Stück Holz.

Das kleine Städtchen Markneukirchen gilt als Herz des vogtländischen Musikinstrumentenbaus. Voller Erfahrung und Liebe zum Detail werden hier seit Generationen fast alle Instrumente des Orchesters gefertigt, repariert und restauriert. Wer sind die heutigen Gesichter dieser Handwerkskünste und was treibt sie an? Ein Blick in einen Ort voller Geschichte, in dem Musik und Handwerk aufeinandertreffen.

Seit Jahrhunderten ist der Instrumentenbau in Deutschland fest als traditionsreicher Wirtschaftszweig etabliert. Nach Angaben des Deutschen Musikinformationszentrums (MIZ) gibt es deutschlandweit über 1.300 Unternehmen, die sich mit der Herstellung, Reparatur und Restauration von Musikinstrumenten befassen. Laut dem Statistischen Bundesamt und dem von ihm herausgegebenen Spartenbericht Musik 2016 sind es sogar über 1.700 Unternehmen. In der Regel spezialisieren sich die Betriebe dabei auf einzelne Fachgebiete wie den Geigen- und Bogenbau, den Bau von Zupf-, Tasten-, Blechblas- oder Holzblasinstrumenten sowie den Orgel- und Harmoniumbau.

Während es regional unterschiedliche Instrumentenbau-Schwerpunkte gibt, ist es auch interessant zu erwähnen, dass der deutschlandweite Instrumentenbau einem Nord-Süd-Gefälle unterliegt: Je südlicher und süd-westlicher wir uns auf der Karte bewegen, desto höher ist die Dichte an Unternehmen, die sich mit einem musikalisch-handwerklichen Berufsfeld beschäftigen. Während in nördlicher Richtung Deutschlands Hamburg und Bremen und im Osten Berlin als Hochburgen des Instrumentenbaus gelten, sind in zunehmend südlicher Richtung Standorte wie Köln, Wiesbaden, der Raum Nürnberg-Fürth-Erlangen, Stuttgart oder München von größerer Bedeutung. Was auffällt: All diese Orte sind Großstädte.

Eine Karte, die Standorte von Musikinstrumentenhersteller*innen in Deutschland anzeigt.
Screenshot des Musikatlas (miz.org)

Eine Ausnahme bildet die Kleinstadt Markneukirchen. Bereits zu Lebzeiten Wolfgang Amadeus Mozarts wurde hier das gesamte Orchesterinstrumentarium und dessen Zubehör gefertigt. Bis heute. Wir wollen wissen: Was ist das Besondere an Markneukirchen? Welche Geschichte hat diese Stadt zu erzählen? Und was treibt die Instrumentenbauer*innen an, die Tradition ihres Handwerkes bis heute fortzuführen?

Von Altbauten und Schauwerkstätten

Nur etwa 5 km Luftlinie trennen die Stadt Markneukirchen von der deutsch-tschechischen Grenze. Die Kleinstadt mit rund 7.000 Einwohner*innen liegt demnach, eingebettet zwischen Wanderwegen und Naturschutzgebieten, im Osten Deutschlands.

Die B283 schlängelt sich durch die ländliche Gegend. Vorbei an Wäldern, vorbei an weitläufiger Aussicht, vorbei an noch mehr Wäldern. Von der Hauptstraße aus gelangt man schließlich in eine Welt voller gepflegter Vorgärten, bergiger Seitenstraßen – und Wegweisern zur nächsten Musikschule. Die Fassaden der Markneukirchener Häuser sind teils kunstvoll gestaltet. Altbauten zieren die Ränder der Gehwege. Rund ums Rathaus läuft man auf Kopfsteinpflaster; der obere und untere Markt führen den Rathausplatz fort. Bäume rahmen den einen Weg ein, Straße und Schaufensterfronten den anderen. Kurz gesagt: typische Kleinstadt-Idylle, rundum.

Und trotzdem ist etwas anders. Trotz der bescheidenen Größe der Stadt gibt es hier eben auch drei Schauwerkstätten, einen internationalen Musikwettbewerb, ein Instrumentenmuseum und eine Musikhalle. Ganz abgesehen von den 70 Instrumentenhersteller*innen, die über die Stadt und im “Musikwinkel” verteilt sind. Auch vom oberen Markt aus dauert es nicht lange, bis man beim ersten Bogenbauer ankommt. An jeder Ecke der Stadt scheint es von Musik(geschichte) gerade so zu wimmeln.

Eine Frage drängt sich darum regelrecht auf: Warum gerade hier, in Markneukirchen? Was macht diese Stadt so besonders?

Bewegte Geschichte

Spulen wir also ein paar Jahrhunderte zurück, ungefähr ins Jahr 1200. Damals war die heutige Stadt noch ein Siedlerdorf namens „Nothaft“. Nachdem 1274 eine Kirche erbaut wurde, änderte sich der Ortsname zu „Newenkirchen“. Rund 100 Jahre später wurde der Ort als Stadt anerkannt und weitere 50 Jahre später, 1405, wurde der heutige Stadtname „Markneukirchen“ erstmals erwähnt.

Zwischen den Jahren 1630 und 1650 siedelten sich böhmische Exulanten in Markneukirchen an. Als protestantische Glaubensgeflüchtete fanden sie in Markneukirchen Zuflucht und brachten das Handwerk des Instrumentenbaus in die Stadt: Seit 1658 wurden die ersten böhmischen Geigenbauer dort urkundlich erwähnt. In den nächsten Jahren folgten die Gründungen der Geigenmacher- und Saitenmacherinnung, der Beginn des Bogenbaus und der Zusammenschluss mehrerer Waldhorn- und Pfeifenmacher zur „Musikalischen Blasinstrumentenmachergesellschaft“.

Um 1800 wurden die ersten Gitarren gefertigt und im Verlauf des 19. Jahrhundert erweiterte sich die Vielfalt des Instrumentenbaus noch um die Herstellung von Zithern und Mandolinen. Neben all den handwerklichen Fertigungen von Instrumenten durfte natürlich auch die musikalische Praxis nicht zu kurz kommen: So kam es, dass 1834 die älteste Musikschule Deutschlands gegründet wurde. Es folgte 1988 die Eröffnung der Fachschule für kunsthandwerklichen Musikinstrumentenbau. Dass die Stadt Markneukirchen bis heute eine bedeutsame Hochburg des Instrumentenbaus und Musiklebens darstellt, zeigt sich durch viele Auszeichnungen und Anerkennungen: So ist beispielsweise der traditionelle vogtländische Musikinstrumentenbau in Markneukirchen und Umgebung seit 2014 ein anerkanntes immaterielles Kulturerbe in Deutschland und im Jahr 2021 zeichnete der Deutsche Musikrat die Stadt im Rahmen eines bundesweiten Wettbewerbs als „Landmusikort 2021“ aus.

Ein Studium der besonderen Art

Kaum zu glauben, doch die Kleinstadt verfügt nicht nur über 70 Unternehmen, die sich dem Instrumentenbau widmen, sondern auch über eine Hochschule. Die Westsächsische Hochschule Zwickau hat in Markneukirchen eine Außenstelle der Fakultät Angewandte Kunst eingerichtet. Die Merz-Villa, benannt nach Curt Merz, dem Auftraggeber des Gebäudes, ist Lehr-, Arbeits- und Konzertstätte der Hochschule zugleich. Im Studiengang „Musikinstrumentenbau“ werden hier Theorie und Praxis des modernen und historischen Musikinstrumentenbaus gelehrt. Während das Bachelorstudium zum Bau von Streich- und Zupfinstrumenten befähigt, verbindet der Masterstudiengang die Ausbildung in Akustik mit modernen Technologien. Die Lehre erfolgt hierbei nach dem Werkstattprinzip: Alle Studierenden verfügen über einen eigenen Arbeitsplatz, um optimale Lern- und Arbeitsbedingungen zu schaffen. Die Absolvent*innen arbeiten später in Werkstätten, sind in der Musikpädagogik tätig, bilden neue Fachkräfte im Musikinstrumentenbau aus oder sind im Fachbereich des Instrumentenhandels und -vertriebs zu finden.

In Markneukirchen treffen somit traditionsreiche Generationen und neue Absolvent*innen des Handwerkes aufeinander und prägen die Kleinstadt je auf ihre Weise. Doch niemand kann den Ort und sein Handwerk besser beurteilen und verstehen als jemand, der schon lange dort lebt und arbeitet. Darum haben wir am 09.01.2026 mit Udo Kretzschmann, einem Geigenbauer aus Markneukirchen, ein Interview per Zoom geführt. Alle unten aufgeführten Fotos wurden uns freundlicherweise von Herrn Kretzschmann zur Verfügung gestellt.

Gespräch mit Udo Kretzschmann

Dankeschön, dass es noch so spontan geklappt hat mit dem Gespräch. Ich würde sagen: Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, dann stellen Sie sich doch gerne den Leser*innen vor – wer sind Sie, was machen Sie?

Mein Name ist Udo Kretzschmann, ich bin Geigenbaumeister. Ich arbeite als Geigenmacher hier am Ort und bin seit zwei Jahren jetzt auch der Obermeister der Innung der Vogtländischen Musikinstrumentenbauer. Ich leb’ in Markneukirchen: das ist der Sitz meiner Familie, solang ich es zurückverfolgen kann. Der Älteste aus meiner Familie, den ich nachweisen kann, ist Michael Kretzschmann, 1604 geboren. Der erste Geigenmacher in der Familie ist Hans-Adam Kretzschmann – der wurde 1716 geboren.

Also eine ganz schön weit zurückreichende Familientradition. Auf Ihrer Website steht, dass Sie nach – drei Generationen Pause – die Tradition vom Geigenbau wieder aufgenommen haben.

Das war auch überhaupt nicht mein Plan. Ich wollte eigentlich Mathematik studieren. Ich bin aber Christ und deshalb war es in der DDR für mich nicht möglich, überhaupt das Abitur abzulegen. Man hat mich nicht auf die Oberschule gelassen, obwohl ich mit einer einzigen “2” in Turnen eigentlich, denke ich, ganz gut dafür geeignet gewesen wäre (lacht). Und dann bin ich – weil ich Geige spielen gelernt hab, in der Schule – in einen heimischen Betrieb gegangen. Das war ein Großbetrieb. Ich hatte die Hoffnung, dass man dort am ehesten noch die Möglichkeit hätte, mich zu einem Studium zu delegieren. Das war zu DDR-Zeiten so: der zweite Weg, zu einem Studium zu kommen. Und daher hatte ich mir auch einen Großbetrieb ausgesucht und nicht – wie es für eine gute Geigenbauausbildung besser gewesen wäre – einen privaten Geigenbauer.

Ich hab’ dann aber gemerkt, wie schön das ist, aus so einem toten Stück Holz was – in Anführungsstrichen – Lebendiges zu bauen, das Menschen Freude bereiten kann. Und so bin ich dann bei dem Beruf geblieben und hab dann auch irgendwann entdeckt: ‘Ja, da gibt’s ja in der Vergangenheit auch Kretzschmann-Geigenbauer.’ Und erst zu dem Zeitpunkt ist mir bewusst geworden, dass ich da einen ganzen Buckel an Geigenbauern mitschleppe, die alle – wie ich heute weiß – mit mir verwandt sind.

“Musik ist für mich in jeder Beziehung Lebensinhalt.”

Das ist ja total schön, dass Sie dann im Nachhinein herausgefunden haben, dass es da auch Leute vor Ihnen gab. Sie sind jetzt immer noch in Markneukirchen ansässig: Wie ist das Leben in diesem Ort? Wie können wir uns das vorstellen?

Momentan schneit’s wie verrückt da draußen (lacht). Es ist eine sehr kleine Stadt. Wir haben 7.000 Einwohner und das Leben und die Arbeit hier in Markneukirchen ist ganz wesentlich vom Instrumentenbau geprägt . Da gibt es neben den Handwerkern auch größere Betriebe. Beim Geigenbau ist es so, dass die handwerkliche Fertigung überwiegt. Wir Handwerker sind in der Innung zusammengeschlossen. Die ist 1677 gegründet worden. Wir haben also nächstes Jahr das 350-jährige Innungsjubiläum. Und als Obermeister seh’ ich mich da auch in der Verpflichtung, dieses Jubiläum möglichst gut vorzubereiten. Deshalb ist mein Leben momentan neben dem Geigenbau auch ganz wesentlich dieser Innungsgeschichte gewidmet. Also, wenn ich irgendwo Freizeit hab’, dann bereite ich dieses Innungsjubiläum vor.

Daneben bin ich auch selber musikalisch unterwegs, wenn auch nur als Laie. Ich spiel’ bei uns im Sinfonieorchester – morgen wird es das große Neujahrskonzert unseres Sinfonieorchesters geben. Ich spiel’ in einem kirchlichen Posaunenchor und ich singe auch in zwei Chören. Musik ist für mich in jeder Beziehung Lebensinhalt. Zum einen verdien’ ich meine Brötchen mit dem Bau der Instrumente und ich musiziere eben auch selber.

Ein gelbes Schild mit der Aufschrift "Udo Kretzschmann, Geigenbaumeister"
Werkstattschild

Was genau bereiten Sie denn für das Jubiläum vor?

Es wird ein ganzes Jahr, 2027, unter dem Begriff ‘Innungsjubiläum’ geben. Also nicht nur die eigentliche Festveranstaltung, die am 20. März stattfindet – weil da vor 350 Jahren ungefähr die Innung gegründet wurde. Da gab’s die Bestätigung durch den Kurfürsten, dass wir eine Innung in Markneukirchen gründen dürfen. Dazu gibt es dann den Festtag mit Projekten, mit Konzert und wie es bei einem Fest so ist, auch einigen Reden.

Daneben geht es gleich mit dem Neujahrskonzert nächstes Jahr los als Eröffnung des Festjahrs. Wir haben geplant, dass auch das Stadtfest unter dem Motto des Jubiläums steht. Mit einem Umzug, einem Handwerkergottesdienst – wenn alles klappt, soll da die neue Innungsfahne dann geweiht werden. Wir haben überlegt, ob es sowas wie Hofkonzerte gibt, wortwörtlich Hofkonzerte. Das heißt, dass die Höfe der Instrumentenmacher geöffnet werden, wo deren Kundschaft oder die Instrumentenmacher selber dann auf ihren Instrumenten musizieren. Wo man dann von einem Konzert zum anderen tingeln kann und da ein bisschen Instrumentenbauluft schnuppern kann. Eventuell gibt es auch eine Wiederauflage eines Theaterstücks, das vor 100 Jahren, zur 250-Jahr-Feier, hier in Markneukirchen aufgeführt wurde. Das soll dann die Theatergruppe des Gymnasiums auf die Bühne bringen. Das ganze Jahr wird angefüllt mit verschiedenen Aktivitäten, die alle Bezug haben zu unserem Innungsjubiläum.

Total interessant, dass verschiedenste Menschen aus der Stadt daran mitwirken, auch die Schule. Ist es wirklich so, dass die gesamte Stadt in Bewegung ist und sich da engagiert?

Ich hoffe es, dass es uns gelingt, so viele wie möglich zu mobilisieren. Denn es ist gerade aus meiner Sicht wichtig, dass eben nicht nur in den kleinen Werkstätten was passiert, sondern dass die ganze Stadt mit einfließt in die Vorbereitung und in die Durchführung.

Abseits von dem Jubiläum nächstes Jahr – wie würde ein normaler Tag bei Ihnen in der Werkstatt aussehen?

Ich wohne in dem Haus, in dem auch meine Werkstatt ist. Meine Frau baut auch Instrumente mit. Das heißt, nach dem Frühstück verkrümeln wir uns beide dann entweder in die gleiche Werkstatt; manchmal geht meine Frau auch in ein eigenes, kleines Etablissement, wo sie ihre Instrumente baut. Zurzeit sind wir vor allem mit Reparatur unterwegs – das hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Ich hatte als Neubau-Geigenbauer angefangen: das heißt, neue Instrumente gebaut. Es hat sich aber inzwischen ein ganzes Stück verschoben auf Reparatur und Restaurierung.

Ein rotes Haus mit Backstein-Fassade und Verzierungen.
Außenansicht der Werkstatt von Udo Kretzschmann

Ja – nach dem Frühstück wird gearbeitet bis 12, dann gibt’s eine Mittagspause und dann geht’s von Eins bis (überlegt) 17 Uhr, 18 Uhr weiter. Abendbrot – und dann ist’s oft die Musik, wie schon gesagt. Dreimal in der Woche ist die Musik am Abend dran. Wir haben einen sehr guten Freundeskreis, der mir auch sehr wichtig ist. Da sind durchaus auch Instrumentenbauer dabei. Eine ganz liebe Gitarrenbaumeisterin wohnt hier gleich um die Ecke. So sieht mein ganz normales Leben aus.

Ein Mann sitzt vor einer hölzernen Werkbank, auf der Geigenteile liegen.
Ein Blick in die Werkstatt

Wahrscheinlich können Sie es uns jetzt nicht im Detail erklären, aber wie entsteht aus so einem Stück Holz eigentlich eine Geige? Sie nutzen in diesem Prozess auch Computertechnik – inwiefern?

Eine Führung über den Bau einer Geige, die ich manchmal hier in meiner Werkstatt durchführe, dauert mindestens ‘ne Dreiviertelstunde. Also ich glaub’ kaum, dass Sie sich die Zeit nehmen wollen, dass ich das von Anfang bis Ende erkläre (lächelt). Das meiste ist die Handarbeit beim Bau der Instrumente. Aber die ersten Vorarbeiten – das Aussägen der groben Form zum Beispiel – das mach’ ich mit einer Bandsäge. Und die groben Arbeiten: da nehme ich auch eine Hobelmaschine. Die beiden Teile habe ich für die Vorarbeit immer im Einsatz, alles andere passiert dann mit der Hand.

Dass ich Computertechnik nutze, das ist einfach ‘ne zusätzliche Hilfe, um das, was ich im Bauch spüre, mit messbaren Dingen zu untermauern. Ich verlass’ mich mehr auf mein Gefühl. Wenn ich also so eine Geigendecke und Geigenboden zwischen den Händen biege, sagt mir das unheimlich viel – oder, wenn ich das Holz am Ohr anklopfe, dann höre ich die Klopftöne. Aber unser Gehör ist subjektiv. Und Mikrofon und Aufnahmetechnik sind relativ objektiv. Und damit versuch’ ich meine Erfahrungen zu untermauern. Dann kann ich auch mal später auf solche Aufzeichnungen, die ich mir zu jedem Instrument mache, zurückgehen und sagen: ‘Ach ja, damals hab’ ich das so gemacht. Das ist eine Geige geworden, die besonders gut für einen Solisten zum Beispiel geeignet ist’.

Sie haben gerade schon gesagt, dass sich der Neuinstrumentenbau verschoben hat in Richtung Restaurierung. Wenn wir aber beim Instrumentenbau bleiben: Haben Sie ein Lieblingsinstrument, das Sie mal angefertigt haben?

Frontalansicht einer Geige.
Udo Kretzschmanns Lieblingsgeige

(Nickt) Das hab’ ich tatsächlich angefertigt. Kurz bevor ich mich selbstständig gemacht habe, war ich nochmal ein Jahr auf – ja, Wanderung, kann man sagen. Zu DDR-Zeiten wäre das nicht möglich gewesen ins Ausland zu gehen, aber ein Jahr vor meiner Selbstständigkeit – also in dem Jahr 1993 – war ich dann nochmal in Berlin, in der Nähe von Hamburg und in der Schweiz. Und in dieser Zeit habe ich ein Instrument unterwegs gebaut. Eine Kopie nach Geoffredo Cappa. Und das ist mir ganz besonders ans Herz gewachsen. Das hab’ ich auch nicht verkauft, das steht nach wie vor bei mir in der Vitrine.

Hat quasi einen Ehrenplatz bekommen.

Richtig (lacht). Das hab’ ich danach noch ein paar mal nach der gleichen Vorlage nachgebaut und dann verkauft, ja – aber diese erste, die ‘Urmutter’ oder was weiß ich, wie man das nennt – die ist mir besonders ans Herz gewachsen.

Man merkt auf jeden Fall, dass Sie mit Herzblut dabei sind. Was würden Sie sagen, gefällt Ihnen am meisten an Ihrer Arbeit? Gibt es auch Sachen, die Ihnen nicht so gut gefallen?

Da muss ich jetzt doch erstmal überlegen, ob’s da was gibt, was heraussticht… Bei der Reparatur ist es auf jeden Fall das Abwechslungsreiche. Dass jedes Instrument, das reinkommt – ob’s ein einfaches Schülerinstrument ist oder etwas richtig Schönes – neue Herausforderungen mit sich bringt. Und die zu lösen: das macht Spaß. Und das schönste… (lächelt) doch, jetzt weiß ich, was das Schönste ist. Wenn der Musiker sein Instrument dann in die Hand nimmt, große Augen kriegt und sagt ‘das ist ja besser als vorher’. Wenn das passiert – und das passiert erfreulicherweise recht oft – dann bin ich natürlich sehr, sehr glücklich. Das ist ja mein Ziel: Mit meiner Arbeit dem Musiker wieder ein Instrument an die Hand zu geben, egal ob neu gebaut oder repariert, das ihn zufriedenstellt. Mit dem er dann auch seine Arbeit, sein Musizieren, bestmöglich ausführen kann.

Bleiben wir doch einfach direkt bei den Leuten, die in Ihre Werkstatt kommen – wer sind diese Leute? Markneukirchen liegt ja sehr nah an der tschechischen Grenze. Gibt es auch Leute aus dem Ausland, die extra zu Ihnen reisen?

Aus Tschechien kam ehrlich gesagt noch keiner zu mir. Da ist vielleicht auch die Sprachbarriere doch relativ groß. So ‘ne slawische Sprache und das Deutsche… (seufzt) ich hab’s leider versäumt, das zu lernen. Bedauere ich eigentlich, weil wir wirklich hier im Grenzgebiet auch immer mal nach Tschechien fahren zum Wandern, zum Radfahren, jetzt momentan auch mal zum Tanken (lacht). Es ist schade, wenn man dann der Landessprache nicht mächtig ist. Also, von daher kamen noch keine Kunden. Ich hab’ Kunden aus Norwegen, ich hab’ auch Kunden aus Amerika – das hat sich aber vor allem ergeben, weil ich da ein sehr spezielles Modell nach einem Herrn Stelzner gebaut habe und dort etliche Instrumente verkauft habe. Aus der Schweiz, aus Österreich, also aus dem deutschsprachigen Bereich auf alle Fälle. Aber der Großteil der Kunden kommt natürlich aus Deutschland.

“Man kann fast ein gesamtes Orchester hier in Markneukirchen ausstatten.”

Sie hatten ja vorhin schon erwähnt, dass Markneukirchen mit 7.000 Einwohner*innen eine relativ kleine Stadt ist. Denken Sie, dass es im Musikinstrumentenbau Unterschiede gibt, wenn wir Markneukirchen zum Beispiel mit Berlin vergleichen würden?

Die Konzentration hier in Markneukirchen ist schon was ganz Besonderes, weil man ja auch nicht nur Streichinstrumente bekommt, sondern auch Holzblasinstrumente, Metallblasinstrumente… Man kann fast ein gesamtes Orchester hier in Markneukirchen ausstatten. Und der Neubau von Instrumenten in dieser Breite – der ist, denke ich, in den Städten nicht zu finden. Dort gibt es vor allem Reparateure, und die machen dann teilweise auch noch angrenzende Gewerbe mit. In Markneukirchen gibt es keinen Geigenbauer, der auch Bögen bezieht, weil um die Ecke ja gleich ein Bogenmacher wohnt. Wenn also zu mir jemand kommt und sagt ‘Ich hab hier noch ‘nen Bogen’ – entweder ich schick ihn dorthin oder ich bring dann den Bogen selber zum Bogenmacher. Das gibt es in Berlin nicht so. Da macht jeder Geigenmacher auch das Beziehen der Bögen mit. Was unterscheidet uns noch… (lächelt) vielleicht das Preisniveau, weil bei uns die Nebenkosten doch noch ein bisschen günstiger sind.

Klingt so, als wäre es sehr gemeinschaftlich unter den Musikinstrumentenbauer*innen in Markneukirchen.

Ich versuch’ das auf jeden Fall – diese Gemeinschaft zu pflegen. Und besonders als Innungsobermeister hab’ ich das Anliegen, dass wir den gemeinsamen Weg gehen. Natürlich sind alle Geigenmacher in Markneukirchen Konkurrenten. Konkurrent klingt jetzt aber böse, ich sag Mitbewerber und auch Mitstreiter. Wir haben alle das Ziel, Markneukirchen bekannt zu machen.

Ein sehr deutliches Zeichen war diese Riesengeige, die wir zum 650-jährigen Stadtjubiläum gemeinsam gebaut haben. Ein Rieseninstrument, das auch den Einzug in das Guinness Buch der Rekorde geschafft hat, mit dem wir dann auch zur Veröffentlichung gemeinsam nach London gefahren sind. 5 Meter 22 der Bogen, und 4 Meter 27 die Geige. Also wirklich ganz schön groß. Und, vor allem, das größte spielbare Instrument der Welt! Das haben wir dann auch mit dem Gewandhausorchester zusammengespielt aber eben auch hier in Markneukirchen auf der Bühne, mit unserem kleineren Orchester. Und das war ein Gemeinschaftswerk. Da sind 1.800 Arbeitsstunden reingegangen in Geige und Bogen – und da haben fast alle Geigen- und Bogenmacher des Ortes zusammengearbeitet. Und das fand ich ganz, ganz toll. Das hat uns ein ganzes Stück auch zusammengeschweißt. Das sieht so bestimmt jeder, denk ich, dass wir natürlich Mitbewerber sind, aber zugleich gemeinsam weiterkommen.

Eine riesige Geige steht neben 7 Männern in Anzügen. Im Hintergrund ist eine große Brücke zu sehen.
Die Riesengeige vor der Tower Bridge in London

Sie hatten erzählt, dass sie seit zwei Jahren Vorsitzender der Innung sind. Wie ist es dazu gekommen und was sind Ihre Aufgaben?

Eine Innung ist ja so was ähnliches wie eine Zunft: Ein Zusammenschluss von Handwerkern, die ein ähnliches Gewerbe ausführen. Es gibt die Frisörinnung, es gibt die Zimmererinnung, es gibt die Tischlerinnung – und wir sind halt die Innung des vogtländischen Musikinstrumentenhandwerks Markneukirchen. Es ist ein etwas sperriger Titel (lacht). Und da sind die Instrumentenbauer des Vogtlandes zusammengeschlossen, die das handwerklich betreiben. Und das Ziel ist, gemeinsam die Interessen zu vertreten. Wir pflegen auch Geselligkeit. Wir gehen zusammen wandern; wir haben – wie heute eben – einen Geigenmacherstammtisch. In 14 Tagen wird es die Hauptversammlung der Innung geben, die pro Jahr einmal abgehalten werden muss, wie es bei einem Verein auch ist. Momentan ist natürlich der Hauptinhalt dieser Innung, dass wir das Jubiläum gemeinsam vorbereiten.

Früher war es so, dass die Innung auch für die Nachwuchsgewinnung zuständig war, dass die Ausbildung über die Innung geregelt wurde. Dass man auch in den Orten eine Höchstgrenze an Handwerkern festgeschrieben hat. Es durfte sich also nicht jeder selbstständig machen. Er musste den Meisterbrief nachweisen; musste nachweisen, dass er sich für die Interessen des Ortes einsetzt – dass das Gesamte gesund geblieben ist. Diese Möglichkeiten gibt es jetzt nicht mehr. Wir sind teilweise ein zahnloser Tiger als Innung (lächelt). Aber das, was wir noch erledigen können, das versuchen wir so gut wie möglich und im Interesse aller zu klären.

Wenn wir den Blick auf den Instrumentenbau in Deutschland generell weiten: Man hört ja oft von Fachkräftemangel, auch im Handwerk. Ist das Instrumentenhandwerk denn Ihrer Meinung nach gefährdet?

Fachkräftemangel gab’s und gibt’s teilweise schon, aber sehr fachspezifisch. Ich weiß, dass es beim Metallblasinstrumentenbau mal eine Zeit lang sehr prekär war. Da haben sich aber die Firmen entsprechend ausgestreckt – und zur Zeit ist es wohl nicht so, dass da viele Fachkräfte fehlen. Bei uns im Geigenbau ist es eher so, dass zu viel junge Leute in den Beruf gedrängt sind. Das liegt aber auch daran, dass da zwei große Schulen junge Geigenbauer auf den Markt ausstoßen. Das ist hier in Klingenthal die Schule – und in Bayern, in Mittenwald, gibt es ja auch eine große Instrumentenbauschule. Da liegt jeweils das Hauptaugenmerk auf dem Geigenbau. Das macht sich auf dem Markt zumindest so bemerkbar, dass ausreichend Geigenmacher da sind; ausreichend Nachwuchs. Wenn nicht gar zu viel.

“Es wird das Handwerk aus meiner Sicht weiterhin geben.”

Was, würden Sie sich wünschen, sollten Menschen über den Geigenbau wissen?

Gerade, wenn es um die Ausbildung geht; um den Wunsch, Geigenmacher zu werden – das sollte man sich sehr gut überlegen. Es gibt wirklich momentan genug in Deutschland. Die Orchesterlandschaft ist ja teilweise auch zusammengestrichen worden, also der Bedarf an Instrumenten hat eher abgenommen und nicht zugenommen. Wir sind im Verband Deutscher Geigenbaumeister 300 Mitglieder pi mal Daumen. Und ich schätz’ mal, ebenso viele gibt es in Deutschland, die nicht organisiert sind. Für dieses doch relativ kleine Land Deutschland, 600 Geigenmacher – das reicht (lächelt). Also, das sollte man sich, denk ich, nicht als so toll vorstellen, dass man dann ein Exot ist. Das ist man in Deutschland nicht. Es gibt wirklich sehr viele von uns.

Es ist ein wunderschöner Beruf, gar keine Frage! Und wenn jemand zum Beispiel familiäre Wurzeln hat, dann ist das durchaus in Ordnung, wenn der das weiterführt und diese Ausbildung macht. Aber der Traumberuf… ja, jeder Traumberuf hat auch irgendwo Schattenseiten. Und das, denke ich, sollte jedem, der dieses Ziel hat, bewusst sein.

Es wird das Handwerk aus meiner Sicht weiterhin geben. Auch wenn Instrumente teilweise industriell hergestellt werden – und das ist ja auch durchaus legitim. Ein Schülerinstrument, das von einem Handwerker gefertigt wird, ist eher die Ausnahme, weil man ja einen hohen Aufwand an Zeit hat – und dadurch wird das Instrument automatisch teurer. Da muss es auch Instrumente in einem günstigeren Preissegment geben, und das geht nur arbeitsteilig in einer Manufaktur oder gar in einer Fabrik. Beides ist aus meiner Sicht absolut legitim und wird es weiter so geben.

Wenn wir nochmal zurück zu Ihrer Familientradition gehen: Wie sieht es da aus? Ist die Möglichkeit gegeben, dass auch noch eine Generation nach Ihnen die Werkstatt fortführt?

Mein Sohn hat über Jahre gesagt ‘alles, nur kein Geigenbau’, weil er gesehen hat, wie lange ich in der Werkstatt sitze und dass es doch vielleicht nicht so massiv viel Geld bringt. Aber dann war er in einem Behindertenheim in Schottland; er hat ein soziales Jahr gemacht. Und dort hat er in einer Holzwerkstatt gearbeitet, als Tischler. Und das hat ihm dann Freude gemacht. Er ist dann in Newark, in Mittelengland, auf eine hervorragende Geigenbauschule gegangen. Hat dort Geigenbau gelernt und ist von da aus weiter nach Sao Paulo, nach Brasilien, hat da noch ein bisschen Kontrabassbau dazu betrieben. Er ist wieder nach Deutschland zurückgekommen, hat in Köln und im Allgäu gearbeitet.

Momentan hat er aber leider die Schürze an den Nagel gehängt und ist als Zimmermann tätig, weil er die Teamarbeit liebt. Und als Geigenmacher sitzt man allein in seiner Werkstatt und arbeitet vor sich hin, und dort kann er halt in einem Team arbeiten. Wie das mal weitergeht (zuckt mit den Schultern und lächelt). Ich würde mich natürlich freuen, wenn er den Weg zurückfände, aber das kann man nicht erzwingen. Der Wunsch ist bei mir da, klar, logisch. Nach so einer langen Familientradition – auch wenn da mal ‘ne Lücke klaffte – wär’s schon schön, wenn’s so weiterginge.

Die Begeisterung fürs Handwerk scheint bei ihm aber auch auf jeden Fall da zu sein. Danke für Ihre Zeit und für das Gespräch, Herr Kretzschmann!

Traditionsreich in die Zukunft

Auch für die Zukunft treibt es viele Markneukirchener wie Udo Kretschmann an, ihr Handwerk auszuüben und ihre lange Tradition noch über weitere Generationen aufrechtzuerhalten. Als zunächst unscheinbar wirkende Kleinstadt trägt Markneukirchen ein um so größeres kulturelles Erbe in sich, das geschützt und gefeiert werden muss. Doch inmitten von Feierlichkeiten, musikinteressierten Gästen und Weltrekorden gibt es eine Konstante: Es wird gebaut, restauriert und musiziert – eingebettet in einer beschaulichen Landschaft, die idyllischer kaum sein könnte.

Und so schlängelt sich die B283 weiterhin durch die ländliche Gegend. Vorbei an Wäldern, vorbei an weitläufiger Aussicht, vorbei an noch mehr Wäldern. Und mittendrin: Markneukirchen, erfüllt von Tradition, Handwerk und Menschen wie Udo Kretzschmann, für die Musik in all ihren Aspekten Leidenschaft und Beruf zugleich ist.

 

Text: Melina Seibert & Jana Augustin

Fotos: Udo Kretzschmann

Tags in diesem Beitrag

Beitrag jetzt teilen