Farbenreiche Klanglandschaft ISLANDs

Ein typischer Novemberabend in der Domstadt. Hektisch. Laut. Dazu benetzt kühler Nieselregen die Straßen Kölns.  Um sich dieser unbehaglichen herbstlichen Stimmung über der Stadt zu entziehen, führt der Weg für einige in das Blue Shell, das besonders an dem heutigen Abend vier ganz wertvolle, unbekannte musikalische Perlen aus London offenbart.

Auf ihrer ersten Europatournee machen die vier Londoner Musiker von ISLAND in den großen deutschen Städten Station wie Berlin, München oder Hamburg. Natürlich darf aber auch die Domstadt nicht fehlen und so verschlägt es die englischen Großstadtjungen auch nach Köln in den in blaues Licht getauchten kleinen Club. Maximal 60 Leute passen vor die minimalistische Bühne, welche den direkten Kontakt vis à vis zu den Künstlern verspricht.

 

Unerwartet schnell füllt sich die Location mit dem schwarz-weiß gemusterten Fußboden und man kann deutlich die Vorfreude und Neugierde von den Gesichtern der Gäste ablesen, denn zum ersten Mal wird ISLAND live in Deutschland zu hören sein.

Talentpotential – Höhenflug durch Europa

Kaum jemand hat sich heute Abend durch Zufall ins Blue Shell verirrt, denn ISLAND ist in Deutschland ein noch relativ unbekannter Name. Einmal auf ihren sphärisch emotional geladenen Sound gestoßen, will man diese Musik des englischen Indie-Rock Quartetts nicht mehr auf seiner Playlist missen.

Erst seit drei Jahren spielt die Band zusammen und ist auch deshalb in Deutschland noch relativ unbekannt. Mit ihrer Debüt-EP „Girl“ konnten sich die vier langjährigen Freunde aber schon einen Namen machen. Die aufstrebende Band verkörpert eine Melange aus Indie- und Math-Rock, umwoben mit einem Schleier von Ambient-Musik. Letztere Stilrichtung charakterisiert elektronische Musik, bei der warme, sphärische und echoartige Klänge dominieren. Frontmann Rollo Dohertys Stimme erinnert an die des Sängers Luke Pritchard der Kooks. Weich, aber trotzdem stark und hin und wieder versehen mit einer kratzigen Note. Eine Stimme, die unter die Haut geht und mit dem tiefen Klangteppich kontrastiert, welcher von James Wolfe am Bass, Jack Reader an der E-Gitarre und Toby Richards am Schlagzeug erzeugt wird.

Ende 2015 ging ISLAND als Support der Band „Palace“ auf Tournee und gewann dadurch das Interesse des Plattenlabels Beatnik Creative. Mit diesem Label entstand in Zusammenarbeit schließlich auch ihre Single „Stargazer“, die sofort auf Platz 7 der Spotify Charts in UK landetete und der jungen, noch albumlosen Band zu weiterem Erfolg verhalf. Es dauerte nicht lange und auch das seit 1999 bestehende Musiklabel Frenchkiss aus New York zeigte großes Interesse an den vier Musikern, nachdem bei einem Konzert der Band in London die berühmte Location „Scala“, eine Konzerthalle für bis zu 800 Plätze, komplett ausverkauft war.

Ausverkauft ist auch der kleine Club in Köln heute Abend.

Vorerst liegt die Aufmerksamkeit der Gäste auf Eliza Shaddad, die als Support von ISLAND fungiert. Ein brauner Lockenkopf, der Power und musikalische Vitalität versprüht. Mit ihrem weichen Organ singt sie klare melancholische Phrasen, in denen sie sich in experimentellen Klangflächen mit ihrer Stimme verliert. Begleitet wird ihr Gesang von E-Gitarre und Schlagzeug. Elizas Songs, die eine Symbiose aus sanften Folk-Rock und Indie Akustik darstellen, sollen das gesamte Blue Shell auf die musikalische Hingabe einstimmen.Das gelingt ihr auch nicht schlecht, denn nach ihrem Abgang scheint das Publikum ein wenig in die noch unbekannte Shaddad verliebt zu sein. Vor allem ihr eingängiger Song „Waters“ wird wohl den meisten im Ohr hängen bleiben.

4 Perlen glänzen in der Blauen Muschel Kölns

Nach einer kurzen Pause schleichen sich die vier jungen Engländer auf die Bühne. Schüchtern betreten sie ihr Revier, dass sie leider nur für die nächsten 50 Minuten nicht verlassen werden. Sie wirken fast ein wenig angespannt und ohne eine Begrüßung stimmen sie den Song „Dreaming Off“ an. Augenblicklich entspannt sich jedoch die Band und zieht ihr Publikum sofort in ihren atmosphärischen Sound-Sog hinein. Spannungsgeladenen Erwartungen. Sind sie live wirklich so gut, wie auch auf ihren Aufnahmen? Als Sänger Rollo die Augen schließt und zu singen beginnt, ist klar, dass ISLAND keine technischen Nachbesserungen nötig hat und ihre Aufnahmen von Authentizität zeugen. Die vier Bandmitglieder tauen schnell auf und haben spätestens nach ihrem neuen Song „The Day I Die“ die Herzen ihres Kölner Publikums für sich gewonnen. Frontmann Rollo zeigt besonders bei diesem Song, dass er gezielt seine Energie geladene Stimme ausgeglichen dosiert einzusetzen weiß. Gerade einmal vor sechs Tagen veröffentlichte die Band diesen neuen Song. Hoffentlich hat die Band die positiven Reaktionen des Publikums überhaupt wahrgenommen, so verloren schienen sie in ihrer Musik zu sein.

ISLAND erwacht aus seiner Trance und nimmt langsam den Kontakt zum Publikum auf. Ihr atmosphärisches Klangspektrum hat sich mittlerweile bis in alle Ecken des Blue Shells ausgebreitet. Eingängige Passagen und Refrains werden von vielen mitgesungen, es wird getanzt und das Publikum scheint die Musik zu fühlen. Als schließlich“ Stargazer“ erklingt, rollt eine Klangwelle von Emotionen heran. Die so episch eingängige Melodie über die Sternenguckerin ergreift kurz vor dem Ende des Konzertes noch einmal das gesamte Publikum. Berührt und ein wenig überwältig scheinen die vier englischen Großstadtjungs von diesem nonverbalen Feedback ihres Konzerts zu sein.
Nach dem letzten, sehr melancholischen Song „Try“, ist das noch überschaubare Repertoire ISLANDs ausgeschöpft. Zumindest fast, denn mit „Come with me“ bekommt das begeisterte Publikum schließlich noch die geforderte Zugabe.

„Unsere Musik verkörpert eine schöne bunte Klanglandschaft.  Etwas, das dich mit sofortiger Freude erfüllt.“

Zu schnell, zu plötzlich ist das Konzert zu Ende. Dankbar für den Abend scheinen aber nicht nur die deutschen Fans von ISLAND zu sein, sondern auch die vier Musiker. ISLAND ist sichtlich erfüllt von ihrem gelungenen Auftritt und nimmt wahr, dass sie Menschen mit ihrer Musik erreichen. Ein größeres Ziel für Musiker gibt es wohl nicht.

Nach ihrer Show laden die vier jungen Engländer ihre Gäste zu einem persönlichen Austausch an die Bar ein. Auch im direkten Gespräch wirken die Musiker sehr relaxt und überhaupt nicht abgehoben. Auf die Frage hin, wie sie ihren Sound beschreiben würden, zögern alle vier erst einmal, bis Bassist James Wolfe eine treffliche Antwort formuliert: „Unsere Musik verkörpert eine schöne bunte Klanglandschaft.  Etwas, das dich mit sofortiger Freude erfüllt.“ Es dürfte verwundern, wenn ISLAND nächstes Jahr im Sommer nicht auf zahlreichen Festivals auftritt und in geraumer Zeit der Name der Band nicht mehr nur mit dem skandinavischen Land assoziiert wird. Der rasante Höhenflug des Erfolgs wird spätestens im April 2018 mit dem Erscheinen ihres ersten Albums für die Vier beginnen. Bitte ISLAND bleibt so wie ihr seid und verliert bei allem Erfolg und Kommerzialisierung nicht euren ganz besonderen epischen Sound. Wir wollen mehr von euch und freuen uns auf euer erstes Album im April.

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