Gescheitertes Glück

Das Theater Dortmund inszeniert Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ mit großem historischen Bewusstsein. Der Aktualität schadet das nicht. Eine Premierenkritik.

Wladimir Lenski (Thomas Paul) singt ein bebendes Klagelied. © Stage Picture GmbH / Anke Sundermeier
Wladimir Lenski (Thomas Paul) singt ein bebendes Klagelied. © Stage Picture GmbH / Anke Sundermeier

Opern-Handlung

So lange schon hat sie gewartet! Tatjana kann sich kaum halten, als sie den gutaussehenden Fremden erblickt. Sie lebt, abseits von aller Welt, auf dem Landgut ihrer Mutter. Niemand da, in den man sich verlieben könnte. Also liest sie, liest und träumt vom Traumprinzen. Als Wladimir Lenski, der Verehrer ihrer Schwester Olga, seinen Freund Eugen Onegin vorstellt, trifft es Tatjana wie ein Schlag. Blatt und Stift müssen her, wie im Wahn legt sie Onegin ihr Herz zu Füßen. Doch der hat kein Interesse an dem naiven Mädchen. Stattdessen macht er sich einen Spaß daraus, seinerseits um Olga zu werben. Rasende Eifersucht packt Lenski. Er fordert Onegin zum Duell und wird erschossen. Jahre später trifft Onegin Tatjana auf einem Ball in Sankt Petersburg. Sie ist zu einer wunderschönen Frau geworden und gehört nun durch ihre Heirat mit dem Fürsten Gremin zur Adelsgesellschaft. Onegin quälen die Gedanken daran, Lenski erschossen und Tatjana abgewiesen zu haben. Er gesteht ihr die Liebe und fleht sie an, mit ihm fortzugehen. Doch sie weist ihn aus Treue zu ihrem Ehemann ab und überlässt ihn seiner Verzweiflung.

Leise schweben Schneeflocken herab. Glitzern im Laternenlicht, bevor sie träge den Boden erreichen. Zwei Schatten tauchen auf, Herren mit Zylinder, die ihre Pistolen laden. Eine Verbeugung, einige Schritte Abstand, dann nehmen sie einander ins Visier. Peng. Das Duell ist entschieden. In Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ können Tote nicht singen. Also stirbt Lenski in Dortmund gleich zweimal, als Schattenprojektion an der Wand und als Figur. Kein melodramatischer Todeskampf, Lenski trifft die Kugel und sofort sackt er leblos zusammen.

Regisseurin Tina Lanik zeigt Menschen, deren Glück an übersteigerten Erwartungen und Voreingenommenheit scheitert. Tatjana, die all ihre Träume und Sehnsüchte auf einen Fremden projiziert, der ihre Leidenschaft nicht erwidern möchte. Und Onegin, der unfähig ist, in dem unbedarften Mädchen seine große Liebe zu erkennen. In beiden mahnt der Verstand, so wie auch Lenski seinen Tod vorausahnt. Trotzdem verbeißen sie sich in ihren Gefühlen und meißeln ihr Elend selbst in Stein.

Tatjana (Emily Newton) trifft zum ersten Mal auf Eugen (Simon Mechlinski). © Stage Picture GmbH / Anke Sundermeier

Der Inszenierung gelingt hier ein Grenzgang, denn von außen betrachtet passiert in der dreistündigen Oper nicht viel. Zwischen großen Chorauftritten sind die Figuren immer wieder allein, sinnieren in intimen Momenten über ihre Empfindungen, erklären sich. Wie viel Raum und Requisiten darf man solchen Gegensätzen zumuten? Tanzszenen brauchen Platz, und doch darf es nicht verloren wirken, wenn zwei Frauen alleine auf einer Bank sitzen. Kostüme und Bühnenbild erreichen das Gleichgewicht durch eine bestechend klare Gestaltung – schlicht und dennoch aufwendig genug, um große Bilder auszulösen. Beeindruckend zum Beispiel, welchen Effekt ein wenig Schnee und zwei Schatten haben können.

„Der Charakter zeugt noch immer vom Geist der Uraufführung: eine Oper für ein junges Ensemble, ohne Schwulst und großes Pathos, in ihrer Figurenschilderung klar und erbarmungslos ehrlich.” (Georg Holzer, Dramaturg)

Für die Uraufführung im Jahr 1879 wählte Tschaikowsky bewusst eine kleine Bühne und verzichtete auf Profi-Musiker. Die Poesie der Einfachheit war es, die den Komponisten an Alexander Puschkins Romanvorlage faszinierte. In der Musik setzt er diesen Gedanken fort: schlichte Linien, immer wieder von folkloristischen Tänzen durchbrochen, klar, aber nie banal. Die Dortmunder Philharmoniker spielen unter der Leitung von Gabriel Feltz vor allem in ihren Solo-Passagen so schön, dass sie den Gesangspartien beinahe die Schau stehlen. Streicherklänge wie zarte Kissen schaffen Raum für Holzbläserstimmen, eine Innigkeit ohne Kitsch.

Tatjana zerreist den Brief, in dem sie Eugen einst ihre Liebe gestand. © Stage Picture GmbH / Anke Sundermeier

Tina Laniks Regie gelingt es, die Oper in ihrer Wesensart zu treffen. Die Darsteller sind jung und gutaussehend, haben wunderbare Stimmen, denen es nur gelegentlich an Durchsetzungskraft mangelt. Sie gestalten ihre Rollen sehr nahbar, obgleich deren Gefühlsregungen ja einem entfernten Zeitgeist und Nationalbewusstsein entspringen. Regie, Bühnenbild und Kostüme greifen ineinander: Ländlichkeit des 19. Jahrhunderts verbindet sich fortschreitend mit Elementen unserer Zeit, bis im dritten Akt Onegin zwischen blassen Krawattenträgern hervorsticht. Tschaikowskys Werk wird in die Gegenwart überführt, ohne an historischem Charme einzubüßen. Ein im positiven Sinne sehr moderner Ansatz.

Eugen Onegin ist noch bis Ende Januar im Theater Dortmund zu sehen. Weitere Informationen zu Terminen und Karten findet ihr hier.

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